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Jakobs Leiter - Bewusstsein im Dritten Jahrtausend
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Jakobs Leiter - Bewusstsein im Dritten Jahrtausend
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Tarock-OrakelJakobs Leiter - Bewusstsein im Dritten Jahrtausend

Poesiealbum


Weiter oben habe ich eigentlich schon alles gesagt, was mir zum Thema der Jakobsleiter bemerkenswert erschien. Aber es sind noch ein paar Buchstaben übrig, die ich - mit Ihrem Einverständnis - hier gern entsorgen möchte.


*

ÜBERGRIFF

"Verzeiht uns...", sprach Innozenz III.,
"...die fromme Moral-Heuchelei,
um aus taktischen Gründen
euch den Bär'n aufzubinden,
dass Sex etwas Sündiges sei."


*

MYSTISCH

Der Morgen am Meer bin ich,
Wasser und Land,
bin Wolke und Horizont,
Welle und Sand.

Der Sturmmöwe Schrei bin ich,
Sonnenaufgang,
bin raschelndes Dünengras,
Lerchengesang.

Bin endlose Weite, das
Ziel deines Blicks,
bin Sinn deines Sehnens und
Grund deines Glücks.

Du schaust - doch du siehst mich nicht,
hörst mir nicht zu.
Du suchst mich - und weißt es nicht.
Ich bin auch du.


*

VERHÜTUNG

Ein ranghoher Pfarrer in Rom
litt unter'm Verkündungssyndrom.
Stets musste er quengeln
und andere gängeln.
Man riet ihm zum Redekondom.


*

PHILOSOPHENSTREIT

Hat der wohl recht, der uns erklärt,
dass Sein Bewusstsein produziert,
indem uns Sein durch Leid und Not
zu Einsicht und Erkenntnis führt?

Doch was wär' dann mit dem, der sagt,
dass das Bewusstsein Sein bedingt
- ihm Form und Schicksal auferlegt,
nach seiner Art zu sein uns zwingt?

Ein Dritter sagt gar: Seht ihr nicht,
ihr dreht euch hoffnungslos im Kreis.
Bewusstsein ist gelebtes Sein!
Nehmt euren Streit hier zum Beweis.

Mir scheint das dritte Argument
- dass beides Sein* Bewusstsein sei -
das wahre. Nur begreift das nicht
gelehrte Philosopherei.
___________________________

* "beides Sein": also Bewusstsein und Sein


*

TRÄUMER

Die Leute, die dich näher kennen
und freundlich einen Träumer nennen,
die lächeln hinter deinem Rücken,
und amüsieren sich mit Blicken.

Sie halten deinen Seelenfrieden
für Einfalt, Trägheit, die hienieden
nur Narren oder Kinder pflegen,
die keine wahren Werte hegen.

Lass sie nur lächeln, tricksen, raffen,
sich Status, Wohlstand, Einfluss schaffen.
Sie werden große Augen machen,
wenn sie aus ihrem Traum erwachen.


*

DER GUTE HIRTE

Ein Gottesgelehrter aus Essen
war auf Rechtgläubigkeit ganz versessen.
Am Himmelstor später
da zürnt ihm Sankt Peter:
du hast meine Schäfchen gefressen!


*

POLARITÄT

Auf meine Frage, was die Welt
im Innersten zusammenhält,
erklärt der Quantenphysiker,
dass dies schwer zu vermitteln wär'...

doch könnt' ich aus den Gegenpolen
in allem Sein mir Klarheit holen.
Ob aktiv-passiv, Zeit und Raum,
ob Welle-Teilchen, es gäb' kaum

von etwas nicht das Gegenteil
- wie männlich oder weiblich - weil
Polarität als Grunderkenntnis
sei rationales Weltverständnis.

Nur trete man grad auf der Stelle,
weil sich der Forschung nicht erhelle
das Ziel der Quantentheorei -
was Chaos und was Kosmos sei...

wo Ordnung in Tumult sich wende,
wo Klugheit gar in Dummheit ende,
weil der Betrachter nicht versteht,
dass 'Außen' innen vor sich geht.

Ist Ordnung dunkel, Chaos licht?
Vielleicht auch beides? Und falls nicht,
dann ist Materie wohl Geist,
den man nur fälschlich "geistlos" heißt?


*

INSCHALLAH

"Drei Söhne schon hab ich im Krieg..."
so klagt der Fundamentalist,
"...verloren - und beklag mich nicht."
Ist er ein Moslem? Jude? Christ?

Egal. Er nimmt das Töten hin,
weil "...alles Gottes Wille" sei.
Für seinen Glauben hält er still
bei dieser Menschenschinderei.

Wenn Krieger aber Liebeslust
verbindet statt der Todespein,
dann - spricht der fromme Moralist -
"...kann das nicht Gottes Wille sein".

Was glaubst du Heuchler, sei dein Lohn
im Jenseits für die Frevelei
des Zweifelns daran, dass allein
geschieht was Gottes Wille sei?


*

DIE KIRCHENMAUS

Es zog einst eine Kirchenmaus,
die hungrig und erkältet war,
hinüber in das Nachbarhaus,
wo's warm und gastlich war.

Sie schmückte ihre neue Bleibe
- in einer morschen Zwischenwand -
recht künstlerisch, zum Zeitvertreibe,
mit allem was sie fand,

drapierte auch ein Spinnennetz,
hing einen Kakerlak hinein,
die Reste eines Mausskeletts
verwahrt' ein Nussschal-Schrein.

Kurzum, der Raum war so gestaltet,
dass bald auch Nachbarmäuse kamen
- den Zauber, der da sichtbar waltet',
zum Sammlungsanlass nahmen.

Man drängte in das enge Loch
hinein - aus Wiese, Wald und Feld -
und pries im Dunkeln, das schlecht roch,
die Schönheit dieser Welt.


*
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